Zwischen Leitung und Legende
Ein Fernschreiber? Ein Gerücht? Und die Frage nach der Wahrheit
Daten zum Glanzstück des Monats Juni
Objekt: Typendruck-Telegraph / frühes Fernschreibgerät nach dem System Hughes
Hersteller: Groos & Graf, Berlin
Beschriftung am Objekt: „Groos & Graf No. 317“
Inventarnummer: V/H 934a
Altvermerk: Ingenieurschule Köthen?, 16.03.1961
Datierung: vermutlich spätes 19. bis frühes 20. Jahrhundert
Material: Holz, Metall, Messing, Ebonit/Glas, Papier
Über dieses Glanzstück
Ein Typendruck-Telegraph und die Frage nach der Wahrheit
Auf den ersten Blick wirkt dieses Gerät wie eine eigenwillige Mischung aus Schreibmaschine, Klavier und Uhrwerk. Vorne befindet sich eine Tastatur mit Buchstaben, Zahlen und Satzzeichen. Dahinter liegen Zahnräder, Hebel, Spulen und eine Druckmechanik. Rechts ist eine große Scheibe für den Papierstreifen oder das Schreibband zu erkennen. Es handelt sich nicht um eine gewöhnliche Schreibmaschine, sondern um ein Gerät zur technischen Nachrichtenübermittlung: einen Typendruck-Telegraphen beziehungsweise ein frühes Fernschreibgerät nach dem System Hughes.
Solche Apparate dienten dazu, Nachrichten nicht mündlich, sondern schriftlich über elektrische Leitungen zu übertragen. Der Vorteil war erheblich: Eine Nachricht musste am Zielort nicht erst mühsam entziffert werden, wie beim Morsecode, sondern konnte direkt als lesbarer Text erscheinen. Die Tastatur übersetzte die Eingabe in elektrische Signale, am Empfangsort setzte ein entsprechendes Gerät diese Signale wieder in Schrift um.
Fernschreiber ähnelten äußerlich oft Schreibmaschinen; technisch waren sie aber Teil größerer Kommunikationsnetze. Im Deutschen Reich wurde der öffentliche Fernschreibdienst 1933 eröffnet. In der Bundesrepublik blieb das Telex-Netz bis 2007 in Betrieb, während Fernschreiber seit den 1980er Jahren zunehmend durch Faxgeräte und später E-Mail verdrängt wurden.
Das Zeitzer Objekt trägt die Herstellerangabe „Groos & Graf No. 317“. Die Firma Groos & Graf war eine Berliner elektrotechnische Fabrik und Telegraphen-Bauanstalt. Vergleichbare Geräte werden in die Zeit des späten 19. Jahrhunderts eingeordnet und stehen in der Tradition der von David Edward Hughes entwickelten Typendruck-Telegraphen. Damit gehört das Gerät technisch eher zu den älteren Formen der elektrischen Schriftübertragung als zu den modernen Fernschreibern, wie sie im 20. Jahrhundert in Verwaltungen, Betrieben oder staatlichen Dienststellen genutzt wurden.
Besonders interessant ist das Objekt aber nicht nur wegen seiner Technik. Im Museum war es lange mit einer spektakulären mündlichen Überlieferung verbunden:
Ältere Kolleginnen und Kollegen brachten den Apparat mit Oskar Brüsewitz in Verbindung. Demnach könnte über dieses Gerät die Nachricht von Brüsewitz’ Selbstverbrennung am 18. August 1976 in Zeitz nach Halle übermittelt worden sein.
Oskar Brüsewitz war evangelischer Pfarrer in Rippicha. Am 18. August 1976 übergoss er sich auf dem Zeitzer Michaeliskirchplatz mit Benzin und zündete sich selbst an. Mit seiner Tat protestierte er gegen das DDR-Regime und dessen Kirchenpolitik. Vier Tage später, am 22. August 1976, starb er an seinen Verletzungen. Seine Selbstverbrennung löste weit über Zeitz hinaus Reaktionen aus und wurde zu einem bis heute erinnerungspolitisch bedeutsamen Ereignis.
So reizvoll die Verbindung zwischen dem Fernschreibgerät und dieser Geschichte ist: Belegen lässt sie sich bisher nicht.Im Gegenteil mahnt die technische Einordnung zur Vorsicht. Die Bauart des Gerätes verweist auf ältere Typendruck-Telegraphie. Auch der überlieferte Altvermerk zur Ingenieurschule Köthen mit dem Datum 16.03.1961 spricht eher für eine spätere Lehr- oder Sammlungsgeschichte als für eine gesicherte Nutzung durch eine Zeitzer Dienststelle im Jahr 1976.
Hinzu kommt: In der DDR gab es tatsächlich verschiedene Fernschreibnetze – darunter öffentliche Netze, Netze der Reichsbahn sowie nichtöffentliche Netze staatlicher Stellen, der NVA, des Ministeriums des Innern und des Ministeriums für Staatssicherheit.
Grundsätzlich wäre es also nicht unmöglich, dass Nachrichten über Brüsewitz’ Tat fernschriftlich weitergegeben wurden. Dass aber gerade dieses konkrete Gerät dafür benutzt wurde, ist derzeit nicht nachweisbar.
Gerade darin liegt der Wert des Objekts. Es erzählt nicht nur von der Geschichte technischer Kommunikation, sondern auch von der Arbeit im Museum: Dinge werden nicht allein dadurch zu historischen Zeugen, dass man ihnen eine Geschichte zuschreibt. Sie müssen befragt werden – nach Herkunft, Datierung, Beschriftung, Nutzungsspuren und Quellenlage. Manchmal bestätigt sich eine Überlieferung. Manchmal bleibt sie offen. Und manchmal führt gerade der Zweifel zu einer spannenderen Geschichte.
Für die Sonderausstellung „Oskar Brüsewitz – Zeichen gegen das Vergessen“ wurde der Apparat deshalb bewusst nicht als gesichertes Ausstellungsobjekt zur Brüsewitz-Geschichte aufgenommen. Als Glanzstück des Monats darf er dennoch glänzen. Denn er erzählt gleich mehrere Geschichten: von der Entwicklung technischer Kommunikation, von der Faszination alter Nachrichtenapparate, von DDR-Erinnerung – und davon, wie wichtig Quellenkritik im Museum ist. Manchmal bestätigt sich eine Überlieferung. Manchmal bleibt sie offen. Und manchmal ist gerade der Zweifel der spannendste Teil der Geschichte.
Wussten Sie schon?
Der Begriff „Fernschreiber“ bedeutet wörtlich fast dasselbe wie „Telegraf“: Beide Begriffe verbinden die Vorstellung des Schreibens mit der Übertragung über Entfernung. Während sich für das Telefon im Deutschen der Begriff „Fernsprecher“ durchsetzte, blieb „Fernschreiber“ als Bezeichnung für schriftliche Nachrichtenübermittlung über Leitungen gebräuchlich.
Wussten Sie schon?
Der Begriff „Telegrafie“ bedeutet sinngemäß „Fernschreiben“. Er setzt sich aus griechischen Wortbestandteilen für „fern“ und „schreiben“ zusammen. Ein Fernschreiber oder Typendruck-Telegraph machte genau das möglich: Schrift wurde über größere Entfernung technisch übertragen. Lange bevor E-Mails, Messenger und Smartphones unseren Alltag prägten, verbanden solche Apparate Menschen, Behörden und Unternehmen über elektrische Leitungen.
Text und Fotos: Silke Frömter
Quellen und Literaturhinweise:
Zum Objekt und zur Objektbestimmung
Museum Schloss Moritzburg Zeitz, Inventar / Objektunterlagen:
V/H 934a, Fernschreiber / Typendruck-Telegraph, Herstellerangabe am Objekt: „Groos & Graf No. 317“, Altvermerk: „Ing. Schule Köthen(?), 16.03.1961“.
Interne Sammlungsunterlagen / Objektbeobachtung.
Mergelsberg, Günther / Boegershausen, Michael:
Kennzeichen auf Fernmeldeeinrichtungen. Band 3. Sammler- und Interessen-Gemeinschaft für das historische Fernmeldewesen e. V., überarbeitete und erweiterte Auflage 2019.
Besonders hilfreich zur Deutung von Herstellerkennzeichen, Firmenlogos, Postkennzeichnungen und militärischen Codezeichen auf Fernmeldegeräten. Die vorliegenden Notizen nennen daraus Groos & Graf als elektrotechnische Fabrik und Telegraphen-Bauanstalt, nachweisbar 1890–1948.
Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Sammlungen online:
Typendruck-Telegraf nach dem System David E. Hughes mit hybridem Antrieb.
Das Vergleichsobjekt der MSPT wird als Hughes-Telegraf von Groos & Graf / Berlin geführt und in die Zeit 1895–1899 datiert. Damit ist es für die technische und typologische Einordnung des Zeitzer Geräts besonders wichtig.
Zur Technikgeschichte des Fernschreibens und der Telegrafie
Museumsstiftung Post und Telekommunikation:
Fernschreiben. In der Sammlung der MSPT befinden sich 125 Fernschreiber aus sechs Jahrzehnten.
Guter Überblickstext zur Funktionsweise und Nutzung von Fernschreibern: Tastatur übersetzt Buchstaben und Zahlen in elektrische Signale, Empfänger druckt die Nachricht in Klartext; öffentlicher Fernschreibdienst im Deutschen Reich ab 1933; Ablösung seit den 1980er Jahren durch Telefax und später E-Mail; Abschaltung des Telex-Netzes 2007.
Aschoff, Volker:
Geschichte der Nachrichtentechnik. Beiträge zur Geschichte der Nachrichtentechnik von ihren Anfängen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Berlin / Heidelberg / New York: Springer.
Grundlegende technikhistorische Darstellung zur Entwicklung von Telegrafie und früher elektrischer Nachrichtentechnik. Für den größeren Hintergrund sehr brauchbar.
Stöber, Rudolf:
Neue Medien. Geschichte. Von Gutenberg bis Apple und Google. Medieninnovation und Evolution. Bremen: edition lumière, 2013.
Gut für den mediengeschichtlichen Rahmen: Stöber behandelt Telegrafie und Telefon als frühe globale technische Informations- und Kommunikationssysteme und als Vorläufer moderner Netzwerkmedien.
Besonders schön für einen kurzen erklärenden Einschub ist auch seine Begriffserklärung: „Tele“ = fern/weit, „gráphein“ = schreiben; „Telegrafie“ lässt sich also wörtlich als „Fernschreiben“ verstehen.
Fernschreiber / Telex, Überblicksartikel:
Als Erstorientierung zur Technik: Fernschreiber sind Geräte zur Übermittlung von Nachrichten in Schriftform mittels elektrischer Signale; sie nutzen häufig Lochstreifen, 5-Bit-Code und serielle digitale Übertragung. Für die Endfassung nicht als einzige Quelle verwenden, aber als Einstieg und Stichwortgeber nützlich.





















