Gegen die Strapazen des Kriegsalltag
Die Feldbibel Karls XII. von Schweden
Daten zum Glanzstück des Monats Mai
Zwei Teile, gebunden – Titel- und weitere Kupferstiche fehlen, Titelkupfer Neues Testament vorhanden, Handschriften
Papier, Leder, Holz/ Buchdruck, Kupferstiche
Stockholm, 1709
Maße: Gr.8° (Groß-Oktav) // L 23,5 cm x B 18,5 cm x Buchrücken 8,7 cm
Sammlung: Museumsbibliothek „Ernst-Ortlepp“
Inventarnummer: IX – 6615
Provenienz: Altbestand/ unbekannt
Ersterfassung: 14. September 1987
Vollständiger Titel: „Biblia, thet är all then helga skrift på swensko; efter konung Carl then tolftes befalning, medh förriga editioner jämnförd; summarier, och marginalier å nyo öfwersedde; concordantier, och anmärckningar förökade; nya register, och biblisk tideräkning inrättade; medh mera, som företalet närmare vthwisar. Med kongl. maj:tz allernådigsta frihet., Stockholm, tryckt hoos sal. Henrich Keysers enkio, medh egen bekostnad, åhr 1709.
[Die Bibel, das heißt die gesamte Heilige Schrift in schwedischer Sprache; nach Befehl König Karls XII., verglichen mit früheren Ausgaben; Zusammenfassungen und Randbemerkungen neu überarbeitet; Konkordanzen und Anmerkungen erweitert; neue Register und biblische Chronologie erstellt; usw., wie das Vorwort genauer ausführt. Mit der gnädigsten Freiheit Seiner Majestät. Stockholm, gedruckt in seinem Saal. Aus dem Nachlass Heinrich Keysers, auf eigene Kosten, Jahr 1709.]“
Über dieses Glanzstück
Im Tornister
Nicht nur ein römischer Legionär trug sein Marschgepäck unterwegs selbst, sondern auch noch 1700 Jahre später die Soldaten der europäischen Fürstenhäuser. Ausgerüstet mit Tornister, Decke, Kartuschtasche samt Munition, Muskete, Trinkflasche, Brotbeutel sowie Koppel mit Militärsäbel und Bajonett brachen sie auf ins Ungewisse. Ihre persönlichen Habseligkeiten waren gut verpackt in den aus Kuhfellen beziehungsweise Kalbsleder genähten Tornistern. Neben Wäsche, Essbesteck, Teller, Nähzeug, Spielkarten, vielleicht etwas zu Schreiben befanden sich desgleichen kleine Andenken an die Familie in der Ausrüstung der Soldaten. Aber war ebenfalls eine Bibel im Tornister? Eher nicht. Und wenn, eher im Gepäck der Generäle oder leitenden Offiziere als bei den „einfachen“ Soldaten.
Anders aber in der schwedischen Armee unter Karl XII. Hier war es Pflicht, denn das nordeuropäische Land war seit der Reformation 1517 ein streng evangelisch-lutherisches Königreich und mit Karl X. (1622-1660) übernahm 1654 ein stark calvinistisch geprägtes Herrscherhaus, das Herzogtum von Pfalz-Zweibrücken, die schwedische Thronfolge. Unter dessen Enkel, Karl XII. (1682-1718), wurde diese Tradition nicht nur fortgeführt, sondern beim Militär noch strenger betont. Dies unterstützten vor allem die Feldprediger im Heer und speziell an Soldaten ausgegebene Bibeln. Diese kompakten Bibelausgaben wie die „Feldbibel Karls XII.“ waren ab 1709 im schwedischen Heer weitverbreitet. Sie dienten den Soldaten als Teil der persönlichen Andachtspraxis, der religiösen Erziehung und sollten der moralischen Festigung des Heeres dienen. Diese Bibeln waren kleinformatig, robust gebunden und überdies für den Feldeinsatz optimiert – und auf Schwedisch. Aufgrund des weitverbreiteten protestantischen Glaubens und durch die Förderung der Bildung durch das Königtum, konnten die meisten schwedischen Soldaten lesen und schreiben. Obwohl diese Bibeln im 18. Jahrhundert stark verbreitet waren, sind besonders Druckexemplare der Feldbibel aus dem Jahr 1709 seltener erhalten als andere erschienene Bibelausgaben unter Karl XII. Ein Exemplar wird in der Museumsbibliothek „Ernst-Ortlepp“ des Museums Schloss Moritzburg in Zeitz aufbewahrt.
Klein, fein, kompakt
Die kleine Bibel hat einen zeitgenössischen Ledereinband mit zuerkennenden Prägungen, die von einem Goldrand stammen. Die Messing- und Lederschließen sind gut erhalten und in einem sehr guten Zustand, lediglich die Ziernagelköpfe hinten fehlen. Am Buchrücken sind neben der Prägung „BIBLIA“ auch Ornamente zu erkennen, die ursprünglich vergoldet waren. Reste eines Goldschnitts sind ebenfalls erhalten. Eine leichte Verfilzung gibt es, da das Buch Teil einer Soldatenausrüstung war. Diese Abnutzungsspuren stammen wahrscheinlich vom Herausziehen des Buches aus dem Gepäck und dem täglichen Gebrauch. Nicht wenige Kratzer zieren den Einband. Zusammengefasst ist der Zustand des Einbandes dennoch sehr gut. Ein oder zwei Löcher durch Anobien befinden sich im Holzdeckel beziehungsweise an den Schließbändern aus Leder.
Leider fehlen neben dem ausklappbaren Titelblatt, ein ausklappbares Kupferstich-Porträt von Karl XII. von Olof Thelott sowie die erste Seite der Erläuterung zur Bibelausgabe. Es folgt eine Fürsprache, warum das Alte Testament gelesen werden sollte, das Register des Alten und Neuen Testaments, ein biblisches Glossar und eine Erklärung der Maßeinheiten. Mit einem noch erhaltenen Kupferstich, der die Schöpfung der Welt zeigt, beginnt das Alte Testament. Mit dem Buch Manasses schließt dieses nach 1095 Seiten. Das sich anschließende Neue Testament hat ein zusätzliches Titelblatt. Ein vorgesetztes Titelkupfer fehlt, Blattreste sind davon erkennbar. Die Seiten sind in einem hervorragenden Zustand, leicht vergilbt, wenige Wasserflecke, nur leichte Knicke am unteren Blattrand.
Auf den Vorsatzblättern sind Notizen in Handschriften aus den Jahren 1734, 1747, 1749, 1752, 1754, 1761 und 1762 erhalten. Diese sind in Kanzlei-Schwedisch verfasst und enthalten neben einigen Daten auch Namen von geistlichen Würdenträgern. In einer dieser Notizen ist vermerkt worden, dass die Bibel 1734 gekauft und sie nochmals gebunden wurde.
Die Bibelausgabe unter Karl XII. ist eine überarbeitete Variante der 1540/41 in Uppsala gedruckten Gustav‑Wasa‑Bibel. Diese gilt als die erste vollständige Bibelübersetzung ins Schwedische. Erstellt wurde sie von den Reformatoren Olaus Petri, Laurentius Andreae und Laurentius Petri. Anzumerken ist, dass Luthers deutsche Bibelübersetzung von 1526 als Vorlage diente. Für den Druck holten die Schweden den Norddeutschen Jürgen Richolff den Jüngeren zu sich ins Land. Die Wasa-Bibel gilt als typografisches Meisterwerk und das umfangreichste in Schweden gedruckte Buch des 16. Jahrhunderts. Sie half bei der Standardisierung der Sprache und beim Aufbau einer einheitlichen Verwaltung unter König Gustav I. Wasa (auch Gustav Eriksson genannt; 1496-1560), der seit dem Reichstag von Västerås 1527 Oberhaupt der schwedischen Kirche war. Auf die Gustav-Wasa-Bibel folgte 1618 eine revidierte Neuauflage, initiiert von König Gustav II. Adolf (1594-1632), und 1703 erschien eine Bibelausgabe Karls XII., die als Vorlage für die Soldatenbibel 1709 diente.
Zeitz und Schweden
Warum sich dieses Buch in Zeitz befindet, ist ungeklärt. Weder das Eingangs- noch das Inventarbuch des Altertumsvereins oder des Museums geben dazu Auskunft. Dass die Schweden während des Dreißigjährigen Krieges hier in Zeitz waren, ist bekannt. Mit überlegener Stärke zerschmetterten sie fast komplett die damalige bischöfliche Burganlage. Allerdings kommt aufgrund der eindeutigen Zeitstellung des Exponats beispielsweise ein Vergessen im Biwak nicht in Frage. Dennoch Schweden und Zeitz, auch Karl XII. und Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz (1647-1718), haben eine gemeinsame Geschichte. Diese Episode war länger als nur eine Begegnung mit dem schwedischen König in dessen Hauptquartier und Regierungssitz Schloss Altranstädt im Herbst 1706. Die schwedische Armee hatte zu dieser Zeit Teile des Sächsischen Kurfürstentums besetzt, um August den Starken zu zwingen, die polnische Königswürde abzugeben an einen Kandidaten ihrer Wahl. In Altranstädt wurde dies per Friedensabkommen beschlossen. Regelmäßig besuchte die Herzogsfamilie die Merseburger Verwandten. Währenddessen traf Herzog Moritz Wilhelm schwedische Abgesandte wie den Feldmarschall Graf Carl Gustaf Rehnskiöld (1651-1722) oder den Staatsmann und Unterhändler des Abkommens Graf Carl Piper (1647-1716) im Feldlager bei Günthersdorf. Nicht minder wichtige Offiziere der Schweden wie der Generalmajor logierten bereits im September 1706 im Zeitzer Schloss und speisten mit herzoglichen Familienmitgliedern. Auch durch die Heiratspolitik der Zeitzer Herzöge waren sie zusätzlich mit den Schweden verbandelt. Über die Ehe von Prinzessin Dorothea Wilhelmine (1691-1743) mit Wilhelm VIII., Landgraf von Hessen-Kassel, gab es eine weitere Verbindung mit der damaligen nordischen Großmacht. Denn der ältere Bruder Wilhelms, Friedrich I. von Hessen-Kassel (1676- 1751), folgte seinem Schwager Karl XII. auf dessen Thron.
Bildung fürs Volk
Das schwedische Königshaus befand sich im 17. Jahrhundert auf Augenhöhe mit Frankreich, Russland, Preußen und Sachsen. Karl XII. wollte und konnte zuerst auch mit den großen Königen Europas wie Ludwig XIV. von Frankreich (1638-1715) oder Peter I. von Russland (1672-1725) mithalten, vor allem auf dem Schlachtfeld. Dennoch war er 1709 auf dem Höhepunkt seiner Regierungszeit. Wie andere vor ihm eiferte er den großen Feldherren nach und unterlag schließlich. Als Karl XII. am 11. Dezember 1718 bei Fredrikshald in Norwegen verstarb, hinterließ er weder eine Ehefrau noch leibliche Nachkommen und die Großmacht Schweden existierte nicht mehr. Aber eine Errungenschaft seiner Vorväter hatte er ausbauen können – die Bildung seiner Untertanen. Was sein Großvater konsequent eingeführt hatte, die Schulpflicht bis zum 12. Lebensjahr, erweiterte er mit der Berufung von Professoren, dem Ausbau von Bildungsstätten, aber eben auch mit einem gut versorgten und gebildeten Heer – und dazu trug die Bibel im Tornister viel bei.
Text und Fotos: Carmen Sengewald
© MSMZ
Quellen
- 1706, Sächsisches Hauptstaatsarchiv, LOC 8701, LOC 81 b, Nr. 25 (Hofdiarien Schloss Moritzburg an der Elster)
Literatur
- Glück-Christmann, Charlotte (Hrsg.): Die Wiege der Könige. 600 Jahre Herzogtum Pfalz-Zweibrücken. Zweibrücken, 2010.
- Lehnstaedt, Stephan: Der Große Nordische Krieg 1700-1721.Stuttgart, 2023.
- Müller, Reinhold: Die Armee Augusts des Starken. Das sächsische Heer von 1730 bis 1733. Berlin, 1984.
- Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_XII._(Schweden); Stand 29.April 2026



















Carlo Böttger