Vom Raub zur Versöhnung
Fragment aus einer italienischen Hochzeitstruhe
Daten zum Glanzstück des Monats April
Holztafelgemälde (Fragment aus einer italienischen Hochzeitstruhe, italienisch: Cassone) in einem vergoldeten Schmuckrahmen (Venezianischer Pastiglia-Rahmen mit Flechtband-Ornamentik)
Künstler: Unbekannt
Datierung: spätes 15. Jahrhundert
Maße: Gemälde: Höhe × Breite: 31,3 × 35,8 cm
Rahmen: Höhe x Breite: 48,6 x 52,7 cm
Inv. Nr.: VI/a 59-61
Über dieses Glanzstück
Viele historische Objekte sind heute nicht mehr in ihrem originalen Kontext oder Zustand erhalten. Auch das hier vorgestellte Holztafelgemälde ist heutzutage nur noch als Fragment überliefert. Ursprünglich bildete es einen Teil der Vorderseite einer italienischen Hochzeitstruhe, einer sogenannten Cassone. Damit war es Bestandteil eines Möbelstücks, dass im Kontext von Ehe und Mitgift eine wichtige Rolle spielte. Über die Jahre wurde das Bild aus diesem Zusammenhang gelöst und besteht nun als eigenständiges Gemälde fort. Nichtsdestotrotz verweist die dargestellte Szene weiterhin auf zentrale Themen wie Konflikte, Versöhnung und die gesellschaftliche Bedeutung der Ehe.
Bei dem Objekt handelt es sich um ein auf Holz (vermutlich Pappelholz) gemaltes Tafelbild, dass ursprünglich als Bestandteil der Front einer Cassone konzipiert war. Die Tafel besteht aus zwei horizontal verleimten Brettern und weist nur an der oberen und unteren Kante ihren ursprünglichen Zuschnitt auf. Die seitlichen Ränder wurden nachträglich beschnitten, wodurch das Tafelgemälde zu einem Kabinettbild verkleinert wurde.
Die Malerei wurde auf einer weiß grundierten Holztafel ausgeführt, über der sich eine polimentvergoldete¹ Schicht befindet. In diese Goldoberfläche sind mittels Ritztechnik feine Linien eingearbeitet, die ursprünglich eine zeichnerisch wirkende Gliederung der Darstellung erzeugten. Heute ist diese kostbare Wirkung nur noch in Ansätzen nachvollziehbar. Der Rahmen, ein venezianischer Pastiglia-Rahmen² aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, gehört zwar nicht zwingend zur Erstausstattung, greift jedoch zeittypische Ornamentformen auf und unterstreicht den repräsentativen Charakter des Bildes.
¹ Polimentvergoldung ist eine Vergoldertechnik, bei der Blattgold oder Schlagmetall auf einen speziell vorbereiteten Untergrund mit Poliment aufgebracht wird, wodurch eine hochglänzende Goldoberfläche entsteht.
² Pastiglia bezeichnet eine Technik, bei der mit einer verdickten Grundierung Ornamente aufgetragen oder modelliert werden. Sie wurde vor allem zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert bei Gemälden, Bilderrahmen und Skulpturen verwendet.
UV-Fluoreszensaufnahme des Gemäldes. Der nachträgliche grün-gelb fluoreszierende Firnis reicht bis über die holzsichtigen Tafelränder oben und unten. Retuschen aus jüngerer Zeit markieren sich dunkel. Frühere umfangreiche Überarbeitungen sind hier schwer zu erkennen.
Die Aussöhnung der Römer mit den Sabinern
Das Gemälde zeigt eine Szene aus der frühen römischen Gründungslegende, wie sie vor allem durch Titus Livius und Plutarch überliefert ist. Der Überlieferung zufolge fehlten der jungen Stadt Rom nach ihrer Gründung durch Romulus im Jahr 753 v. Chr. Frauen. Um dieses Problem zu lösen, luden die Römer u.a. die benachbarten Sabiner zu einem Fest ein und entführten währenddessen deren Töchter – ein Ereignis, das als Raub der Sabinerinnen in die Römische Mythologie einging. Diese Tat führte schließlich zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Römern und Sabinern.
Die hier dargestellte Szene setzt jedoch nicht beim Akt der Gewalt an, sondern bei dessen Überwindung. Aus dem entstandenen Konflikt entwickelte sich schließlich ein Kampf zwischen Römern und Sabinern. Im entscheidenden Moment treten die Sabinerinnen – inzwischen Ehefrauen und Mütter – zwischen die Fronten. Sie appellieren an ihre Väter und Ehemänner und verhindern so weiteres Blutvergießen. Die Darstellung der Aussöhnung betont folglich nicht den Krieg, sondern die friedensstiftende Rolle der Frauen. Bildlich äußert sich dies in der zentralen, vorderen Platzierung der vermittelnden Figuren, den gestischen Bewegungen sowie der Platzierung der Kampfhandlungen im hinteren Teil des Bildes.
Gerade dieser Aspekt macht das versöhnliche, friedensstiftende Thema für den Kontext einer Hochzeitstruhe besonders geeignet: Die Szene steht exemplarisch für die Überwindung von Konflikten, der Stärkung der familiären Bindung und weiblichen Tugend. Die Ehe erscheint als ordnendes Prinzip, das nicht nur zwei Familien, sondern ganze Gemeinschaften miteinander verbindet.
Cassoni – Hochzeitstruhen als Bildträger
Cassoni waren im Italien des 14. bis 16. Jahrhunderts zentrale Ausstattungsstücke wohlhabender Haushalte. Sie wurden anlässlich von Hochzeiten in Auftrag gegeben und dienten sowohl der Aufbewahrung der Mitgift als auch der repräsentativen Selbstdarstellung der Familie. Besonders die reich bemalten Fronten waren Träger komplexer Bildinhalte.
Die dargestellten Themen entstammten häufig antiken Sagen, der Mythologie oder der Bibel. Sie vermittelten moralische Leitbilder, die auf das Brautpaar bezogen waren: eheliche Treue, Fruchtbarkeit, Tugendhaftigkeit, aber auch Klugheit und (soziale) Harmonie. Themen wie die Aussöhnung der Römer mit den Sabinern eigneten sich in besonderer Weise, da sie weibliche Vermittlungskraft, eheliche Bindung und gesellschaftliche Stabilität miteinander verknüpften. Das Gemälde erfüllte somit nicht nur eine dekorative, sondern auch eine didaktische Funktion.
Der Zustand der Rückseite vor der Restaurierung.
Der Zustand des Gemäldes nach der Restaurierung.
Zur Restaurierung und heutigen Erscheinung
Das Gemälde hat im Laufe der Zeit erhebliche Veränderungen erfahren. Neben dem Verlust seines ursprünglichen Zusammenhangs führten Überarbeitungen, Beschneidungen und frühere konservatorische Eingriffe zu einer starken Veränderung des Erscheinungsbildes. Die letzte umfassende Restaurierungsmaßnahme im Jahr 2002 durch den Dipl.-Restaurator Mirko Negwer hatte vor allem das Ziel, den Erhaltungszustand zu stabilisieren und weiteres Schadenspotenzial zu minimieren.
Dabei wurde bewusst darauf verzichtet, einen vermeintlich ursprünglichen Zustand zu rekonstruieren. Stattdessen stand der respektvolle Umgang mit der überlieferten Substanz im Vordergrund. Die heute sichtbare Oberfläche vermittelt daher weniger den einstigen Glanz der Polimentvergoldung, sondern erlaubt einen authentischen Blick auf die Objektgeschichte und den Wandel seiner Funktionen.
Insgesamt wird deutlich, dass das Gemälde ein vielschichtiges Zeugnis seiner Zeit und Kultur ist. Es verbindet eine antike Sage, Bildtraditionen der Renaissance mit dem Kontext der Eheschließung zu einem vielschichtigen Bedeutungsträger. Gerade in seinem herausgelösten Erhaltungszustand wird deutlich, wie sehr materielle Verluste, Umnutzungen und Restaurierungen oftmals einen großen Teil der Objektbiografien ausmachen. Heute ist das Gemälde Teil der Dauerausstellung zur barocken Residenzkultur in Zeitz.
Text: Nadine Neumann
© Titelfoto: Carlo Böttger
Aufnahmen von der Restaurierung: Mirko Negwer
Literatur:
Carstensen, Richard: Römische Sagen; München, 1994.
Kinder, Hermann/ Hilgemann, Werner: Atlas Weltgeschichte (Band 1); München, 2015.
Koesling, Volker: Vom Feuerstein zum Bakelit, Historische Werkstoffe verstehen, Band 5/6; Stuttgart, 1999.
Negwer, Mirko: Die Aussöhnung der Römer mit den Sabinern, Arbeitsbericht zu konservatorischen und restauratorischen Maßnahmen; Zeitz, 2002.














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