Betendes Mädchen
Radierung von Käthe Kollwitz
Daten zum Glanzstück des Monats März
Material und Technik: Strichätzung, Kaltnadel und Aquatinta in Schwarz auf Japanpapier (Tiefdruckverfahren).
Der Bildträger ist ein helles, leicht getöntes Büttenpapier mit deutlich sichtbarem Plattenrand (Plattenkante).
Format der Platte: 195 × 148 mm.
Inv.-Nr.: 20. VI/b 52 – 325
Provenienz: Erworben bei Reinhold Puppel in Quedlinburg für 20 DM.
Datum der Einlieferung ins Museum: 20.10.1951.
Datum der Inventarisierung: 14.09.1961.
Beschriftung zum Zeitpunkt der Entstehung mit Bleistift: 47/1897.
Nachträgliche Beschriftung: Inventarnummer des Museums, Inv.-Nr. 20. VI/b 52 – 325.
Über dieses Glanzstück
Auf dem Bild ist ein betendes Mädchen vor dunklem Hintergrund zu sehen. Es sitzt mit zusammengelegten Händen in einer betenden Geste in einem dunklen Raum und trägt ein schlichtes, dunkles Kleid. Ihre Haare sind zusammengebunden. Sie ist dem Betrachter mit der linken Körperseite zugewandt, sodass ihr Gesicht im Profil sichtbar ist. Den Kopf neigt sie nach vorn zu ihren Händen.
Ihre Gestalt nimmt etwa zwei Drittel der Bildfläche ein. Die Komposition folgt einer diagonalen Bildachse, die vom Kopf über die gefalteten Hände bis zum unteren rechten Bildrand verläuft. Die Augen des Mädchens befinden sich etwa im ersten Drittel des Bildes. Im Vordergrund ist ein Teil des Kleides zu erkennen, im Mittelgrund das Halbporträt des Mädchens und im Hintergrund die Dunkelheit des Raumes.
Kollwitz erzielt eine stoffliche Illusion, indem sie die Materialität im Bereich des vorderen Teils des Kleides, der Unterärmel sowie im Faltenwurf durch einen langgezogenen, linearen Duktus realistisch wiedergibt. Auch der Hintergrund wirkt durch die dichte Kreuzschraffur fast stofflich, deren Linien sich kreuzen und überlagern.
Das Bild versteht sich als Wirklichkeitsausschnitt. Das Mädchen ist so nah dargestellt, dass der Eindruck entsteht, der Betrachter säße direkt neben ihr, auf derselben Ebene. Der Kopf des Mädchens verschmilzt teilweise mit dem dunklen Hintergrund, wodurch der Eindruck entsteht, als nehme die Dunkelheit die Figur in sich auf. Die Dreidimensionalität des Gesichts wird durch Schatten und das von der oberen rechten Seite fallende Licht modelliert. Die Lichtreflexe zeigen sich außerdem in den Haaren des Mädchens.
Wie viele andere Werke Kollwitz ist auch dieses Bild in Schwarz-Weiß gehalten. Durch den Hell-Dunkel-Kontrast werden Teile des Gesichts und des Halses am hellsten im gesamten Bild hervorgehoben. Damit hebt Kollwitz vor allem die Hände der Protagonistin und das Beten als Zentrum der Handlung besonders hervor. Sie zeigt dem Betrachter diesen intimen, privaten und persönlichen Moment aus nächster Nähe. Das Mädchen ist mit seiner ruhigen und geschlossenen Haltung ganz versunken in sein Gebet.
Obwohl das Mädchen individuelle Gesichtszüge aufweist, ist nicht bekannt, welche konkrete Person dargestellt ist. Käthe Kollwitz zeichnete viele ihrer Figuren nach Modellen aus ihrem engeren Umfeld, beispielsweise aus der Familie oder aus der Arztpraxis ihres Mannes. Ihre Bilder zeigen jedoch allgemeingültige Typen wie „Schwangere Frau“ (1910), „Die Eltern“ (1920) oder „Sitzender Arbeiter“ (1923).[1]
Das „Betende Mädchen“ lässt sich der naturalistischen Ästhetik zuordnen. Ein Blick auf den historischen Entstehungskontext des Jahres 1892 ist für die Interpretation des Werkes von Bedeutung. Käthe Kollwitz lebte zu dieser Zeit in Berlin und wurde in der Praxis ihres Mannes unmittelbar mit der sozialen Not der Patienten konfrontiert. Zudem entstand die Radierung kurz nach der Geburt ihres ersten Sohnes Hans. Die Künstlerin befand sich somit in der neuen Rolle als Mutter und musste diese mit ihrer künstlerischen Arbeit in Einklang bringen. Im selben Jahr besuchte sie die Premiere des damals verbotenen Stücks „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann, das sie für ihren berühmten Zyklus „Ein Weberaufstand“ inspirierte.[2] Gleichzeitig markierte der Skandal um die Ausstellung von Edvard Munch in Berlin das Ende der rein dekorativen Kunst.[3] Das „Betende Mädchen“ zeigt bereits diese Abkehr von der akademischen Vorstellungen der Malerei und Hinwendung zur Darstellung des Proletariats. Die Radierung nutzt tiefe Ätzungen und starke Hell-Dunkel-Kontraste, um psychologische Tiefe zu erzeugen. Das Werk rückt das religiöse Motiv des Betens in den Kontext der sozialen Umbrüche. Es ist somit weniger ein Bild Frömmigkeit, sondern eher ein profaner Ausdruck der Suche nach Trost in einer harten Zeit.
[1]Vgl. Nagel, Otto: Käthe Kollwitz, Dresden 1963, S.257.
[2]Ebd., S.20.
[3]Kneher, Jan: Edvard Munch in Deutschland (1892–1912). Ausstellungen und Kritiken, Weimar 1994, S.31.
Biografie der Künstlerin
Käthe Kollwitz wurde 1867 in Königsberg in eine Familie mit liberalen Ansichten geboren. Ihre Kindheit und Jugend fielen in die Zeit der Reichsgründung, der rasanten Industrialisierung und sozialer Spannungen. Ihr Vater, Karl Schmidt, brach seine juristische Laufbahn ab und entschied sich bewusst gegen eine Karriere als Richter im preußischen Staatsdienst, da er seine liberalen Überzeugungen nicht aufgeben wollte. Stattdessen erlernte er das Maurerhandwerk und arbeitete später als erfolgreicher Bauunternehmer.[4] Ihr Großvater, Julius Rupp, war ein Theologe, Lehrer und Prediger mit progressiven und freien Ansichten. Er stellte sich gegen die restaurative Politik Friedrich Wilhelms IV., weshalb er aus dem Staatsdienst entfernt wurde. Daraufhin gründete er in Königsberg eine freireligiöse Gemeinde, die jegliche staatliche oder kirchliche Kontrolle ablehnte und die Gewissensfreiheit ihrer Mitglieder predigte.[5]
Man kann sagen, dass die geistigen Einflüsse, die in ihrem familiären Umfeld auf Käthe Kollwitz wirkten, damals eher ungewöhnlich waren. Es war eine große Seltenheit, dass ihr Vater ihre künstlerische Begabung unterstützte und ihr eine professionelle Ausbildung ermöglichte. Da die staatlichen Kunstakademien zu jener Zeit für Frauen noch verschlossen waren, erhielt sie zunächst privaten Unterricht. Bereits ab dem 14. Lebensjahr erhielt sie ersten professionellen Zeichenunterricht bei dem Königsberger Kupferstecher Rudolf Mauer.[6] Ab ihrem 17. Lebensjahr vertiefte Kollwitz ihre Ausbildung im Kupferstich. Sie zog für eine weitere künstlerische Ausbildung nach Berlin, wo eine unruhige Atmosphäre herrschte. Die Stadt wurde von Bismarcks repressiven Sozialistengesetzen und der wachsenden Popularität der Sozialdemokratie, die für die Rechte der Arbeiterklasse eintrat, geprägt.[7] In Berlin wurde Käthe Schülerin von Karl Stauffer-Bern, einem Porträtisten, Radierer und Kupferstecher, der sich durch die fotografische Genauigkeit seiner Werke auszeichnete. Nach diesem ereignisreichen Jahr in Berlin kehrte Käthe zunächst in ihre Heimat zurück, um ihren Zeichenunterricht bei Emil Neide fortzusetzen. Danach folgte eine Zeit des Lebens in München und Studierens bei Ludwig Herterich. Zu dieser Zeit hatten der Zyklus ‚Ein Leben‘[8] sowie die Schrift ‚Malerei und Zeichnung‘ von Max Klinger einen großen Einfluss auf sie.[9] Dies festigte den Gedanken, dass ihre künstlerische Zukunft mehr im Bereich der Grafik liegen sollte.[10]
Daraufhin folgte die glückliche Ehe mit Karl Kollwitz, der als Kassenarzt tätig war, sowie der Umzug nach Berlin und die Geburt ihrer beiden Kinder.[11] Die progressiven Ansichten ihrer Herkunftsfamilie, ihres Ehemanns und ihres Umfelds während der Studienzeit in Berlin und München sowie ihre Erschütterung über die soziale Ungerechtigkeit gegenüber der Arbeiterschaft prägten ihr Schaffen. In ihrem Werk griff sie zahlreiche sozialkritische Themen auf und zeigte mit ihrer Kunst die prekären Lebensbedingungen der Arbeiter.
[4]Nagel, Otto: Käthe Kollwitz, Dresden 1963, S. 11.
[5]Strauß, Gerhard: Käthe Kollwitz, Dresden 1950, S. 9.
[6]Nündel, Harri: Käthe Kollwitz, Leipzig 1964, S. 8.
[7]Strauß, Gerhard: Käthe Kollwitz, Dresden 1950, S. 5.
[8]Nagel, Otto: Käthe Kollwitz, Dresden 1963, S. 15.
[9]Ebd., S. 18.
[10]Nündel, Harri: Käthe Kollwitz, Leipzig 1964, S. 14f.
[11]Ebd., S. 15f.
Ihre große Bekanntheit erlangte Käthe Kollwitz durch den Zyklus „Ein Weberaufstand“, der zwischen 1897 und 1898 entstand. In den Ausstellungen der 1890er Jahre herrschte noch die akademisch orientierte Kunst vor, die sich eher konservativen und idealisierten Themen widmete.[12] In diesem Kontext war es eine absolute Ausnahme, dass eine Frau im Kunstbetrieb so präsent war und derart komplexe und brisante soziale Themen in ihrem Werk darstellte.
Ab 1904 entwickelte Käthe Kollwitz Interesse an der Bildhauerei, weshalb sie nach Paris zog, um an der Académie Julian zu studieren. 1907 gewann sie den Villa-Romana-Preis und verbrachte ein Jahr in Italien.[13]
Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs und dem persönlichen Verlust ihres Sohnes Peter im Oktober 1914 erhielten ihre Werke eine pazifistische Intention.[14] 1919 wurde Käthe Kollwitz zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste ernannt und war die erste Künstlerin, der der Professorentitel verliehen wurde. Im Jahre 1924 schuf sie das Plakat ”Nie wieder Krieg”. 1927 reiste sie in die Sowjetunion. Ein Jahr später leitete sie die Werkstatt für grafische Künste an der Akademie und wurde damit zu einer bedeutenden Persönlichkeit in der Kunstausbildung ihrer Zeit.[15]
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde die Künstlerin zum Austritt aus der Akademie gedrängt und später ihres Amtes als Leiterin der Grafik-Meisterklasse enthoben. Das Regime übte Druck auch auf die Familie aus. So wurde Karl Kollwitz zeitweise die Zulassung als Kassenarzt entzogen und auch ihrem Sohn Hans drohte der Verlust seiner Anstellung. Trotz der Gefahr und eines kurzen Auslandsaufenthalts blieb die Familie in Deutschland.[16]
Im Zweiten Weltkrieg fiel ihr Enkel Peter, der denselben Namen wie ihr im Ersten Weltkrieg gefallener Sohn trug. Angesichts der Zerstörungen in Berlin flüchtete sie 1943 zunächst nach Nordhausen und siedelte 1944 schließlich nach Moritzburg über. Dort verstarb sie am 22. April 1945, nur wenige Wochen vor dem Ende des Krieges.[17]
Heute ist der Name der Künstlerin auf Straßenschildern und Plätzen zu sehen. Zahlreiche Schulen wurden zu ihren Ehren benannt. In Berlin erinnert zudem der von der Akademie der Künste verliehene Käthe-Kollwitz-Preis an ihr Wirken. Ihre Kunst bleibt bis heute ein kraftvolles Symbol für Menschlichkeit und ein zeitloser Appell gegen das Leid des Krieges.
[12]Olbrich, Harald (Hrsg.): Geschichte der deutschen Kunst 1890–1918, Leipzig 1988, S. 49.
[13]Nündel, Harri: Käthe Kollwitz, Leipzig 1964, S. 89.
[14]Vgl. Jutta Kollwitz: Aus der letzten Zeit, in: Hans Kollwitz (Hrsg.): Käthe Kollwitz. Tagebuchblätter und Briefe, Berlin 1948, S. 191.
[15]Nündel, Harri: Käthe Kollwitz, Leipzig 1964, S. 90.
[16]Ebd., S. 69f.
[17]Ebd., S. 91.
Literaturverzeichnis
Kneher, Jan: Edvard Munch in Deutschland (1892–1912). Ausstellungen und Kritiken, Weimar 1994.
Kollwitz, Jutta: Aus der letzten Zeit, in: Hans Kollwitz (Hrsg.): Käthe Kollwitz. Tagebuchblätter und Briefe, Berlin 1948.
Nagel, Otto: Käthe Kollwitz, Dresden 1963.
Nündel, Harri: Käthe Kollwitz, Leipzig 1964.
Olbrich, Harald (Hrsg.): Geschichte der deutschen Kunst 1890–1918, Leipzig 1988.
Strauss, Gerhard: Käthe Kollwitz, Dresden 1950.
Text: Xenia Mikhaylov






