Drei Meisterwerke von Georg Grosz
in der Zeitzer Sammlung
Über dieses Glanzstück
“Eure Pinsel und Federn, die Waffen sein sollten, […] sind leere Strohhalme. Geht aus euren Stuben heraus, […] und helft [den arbeitenden Menschen] gegen die verrottete Gesellschaft.”[1]
Dies ist ein Zitat aus dem Text Statt einer Biografie, den Georg Grosz im August 1920 verfasste, zu einer Zeit, als die Auswirkungen des Kapp-Putsches noch auf den Straßen Berlins zu spüren waren und in den Arbeitervierteln weiterhin Spannungen und Armut herrschten.
War seine Kunst vielleicht tatsächlich eine Waffe? Grosz lehnte in seinem Werk akademische Kanons bewusst ab. Statt sich jedoch in die dekorative Abstraktion zurückzuziehen, konzentrierte er sich darauf, eine politische Satire zu schaffen, die sich nicht an elitäre Kunstsalons, sondern direkt an die breite Masse richtete. Mithilfe der Lithografie wurden seine Zeichnungen in großen Mengen reproduziert und so der Öffentlichkeit leicht zugänglich gemacht.
Die grafische Sammlung des Museums Schloss Moritzburg Zeitz umfasst drei Werke des Künstlers, die seinen kompromisslosen Charakter widerspiegeln. Es handelt sich um die Blätter In Gedanken (1920) und Magenbeschwerden(1921) aus der berühmten und strafrechtlich verfolgten Serie Ecce Homo, die im Malik-Verlag erschien, sowie die Lithografie Fischer aus Pommern (1926). Letztere wurde in der von Paul Westheim herausgegebenen Mappe Die Schaffenden im Euphorion Verlag publiziert.[2]
In Gedanken, Blatt 37 aus Ecce Homo [2 Bürger], 1920, Lithografie, Inv. Nr.: VI b/52/528.
Provenienz: Ankauf von der Galerie Henning (Halle), Wert: 60 Mark, eingegangen am 13.12.1951. Autopsie: recto: u.r. mit Bleistift signiert “Grosz”, u.l. mit Bleistift Inv.nr. “VI b/52/528”; verso: u.r. mit Bleistift “47/2271”, Stempel in Grau “Städt. Museum Zeitz”.[3]
Die Lithografie zeigt zwei männliche Figuren, die ohne erkennbaren räumlichen Bezug übereinander angeordnet sind. Im oberen Teil des Blattes ist ein Mann mittleren Alters im Halbprofil dargestellt. Er ist geschäftsmäßig gekleidet: Sakko, Weste, ein akkurates Hemd und eine Fliege. Auf seinem fast kahlen Kopf fällt das angespannte Gesicht mit schmalen Lippen auf. Im Mundwinkel hält er eine Zigarette, sein Blick aus halbgeschlossenen Lidern wirkt müde und misstrauisch. Seine rechte Hand liegt kraftlos auf dem Knie, die linke Hand ist nur mit wenigen Strichen angedeutet.
Unten ist der kahle Kopf eines anderen Mannes im Profil dargestellt, mit gezeichneter Schnurrbartpartie und steifem Kragen. Sein leerer Blick ist nach oben, am Betrachter vorbei, gerichtet. Im Zusammenspiel mit der oberen Figur erzeugt dies das Gefühl eines völligen Mangels an Dialog und geistiger Leere.
Grosz arbeitet mit einer trockenen, feinen und abgehackten Linie, die die psychologische Kälte und emotionale Entfremdung der Charaktere unterstreicht. Der obere Mann verkörpert eben jenen Typus des selbstgefälligen Mittelstandes. In seinen Gedanken liegt nichts Erhabenes, denn es ist das Porträt eines Spießbürgers, der ganz in seine kleinen Sorgen versunken ist, egoistisch und blind gegenüber der Tragödie des zerstörten Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg.
Der Werdegang
Georg Ehrenfried Groß wurde am 26. Juli 1893 in Berlin geboren. Seine Kindheit war geteilt zwischen der Sicherheit des provinziellem Stolp in Pommern und dem grauen Alltag des proletarischen Berliner Stadtteils Wedding, wohin die Familie nach dem Tod des Vaters vorübergehend zog. Dieser scharfe Kontrast zwischen der ruhigen Provinz und der Armut der Arbeiter-Metropole prägte für immer Grosz‘ Sensibilität für soziale Ungerechtigkeit.[4]
Sein zeichnerisches Talent zeigte sich früh. Die Grundlagen des linearen Zeichnens erlernte der junge Grosz bei dem örtlichen Dekorationsmaler Grot. Schon damals träumte der Junge davon, beliebte satirische Zeitschriften wie den Simplicissimus, die Lustigen Blätter und den Ulk zu illustrieren, welche die Leere und Selbstgefälligkeit der bürgerlichen Gesellschaft aufs Korn nahmen. Mit fünfzehn Jahren trat Grosz in die Dresdner Kunstakademie ein. Trotz des dortigen akademischen Systems, in dem die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst nicht gefördert wurde, vermittelte ihm sein Lehrer Richard Müller eine tadellose technische Präzision im Zeichnen.[5]
Bereits im Alter von 17 Jahren wurde eine seiner satirischen Zeichnungen im Ulk veröffentlicht. In den Dresdner Jahren pflegte Grosz das Image eines Individualisten und Dandys,[6] doch seine eigentliche künstlerische Reife erlangte er erst nach seinem Umzug nach Berlin, um an der Kunstgewerbeschule bei Emil Orlik zu studieren. Nachdem er sich im Südende niedergelassen hatte, erkundete er stundenlang die Metropole und hielt die Typen der Passanten sowie das Chaos der großstädtischen Straßen auf Papier fest.[7]
Wieland Herzfelde erinnerte sich an seine erste Begegnung mit dem jungen Künstler wie folgt:
“Ein eigenes Gesicht, einen eigenen Lebensstil zu haben, galt bereits als künstlerische Leistung. […] Wie aus einer Modezeitschrift ausgeschnitten sah er aus […].”[8]
Magenbeschwerden, Blatt 80 aus Ecce Homo [Katzenjammer], 1921, Fotolithografie, 290 x 170 mm, Inv. Nr.: VI b/52/922.
Provenienz: Ankauf von der Galerie Henning (Halle), Wert: 45 Mark, eingegangen am 04.11.1952. Autopsie: recto: u.l. im Stein “65”, u.r. mit Bleistift signiert “Grosz”, u.l. mit Bleistift Inv.nr. “VI b/52/922”, u.r. mit Bleistift “47/3310”; verso: -.[9]
Die Lithografie zeigt einen Mann mittleren Alters in einem Anzug, der vornübergebeugt steht. Sein Hemdkragen ist halb aufgeknöpft und seine Krawatte ist verrutscht. Er übergibt sich direkt in ein Waschbecken, das sich auf der linken Seite der Zeichnung befindet. Mit der rechten Hand stützt er sich schwer auf den Rand des Beckens, um das Gleichgewicht zu halten, während der linke Arm an seinem Körper herabhängt. Sein Gesicht ist verzerrt, die Augen sind fest geschlossen und der Mund weit geöffnet. Hinter ihm ist ein umgestürzter Stuhl zu sehen, rechts die kantigen Umrisse eines Möbelstücks mit einer Kanne auf dem Regal.
Mit einer beiläufigen, feinen Linie und feinen Tuschespritzern auf Wand und Boden vermittelt Grosz ein Gefühl von Schmutz, Unreinheit und Chaos. Der Titel des Werkes hat eine doppelte Bedeutung. Grosz zeigt hier nicht einfach einen betrunkenen Bourgeois, dem nach einem exzessiven Gelage übel ist. Die Magenbeschwerden symbolisieren die moralische Krankheit der gesamten Weimarer Republik, die inmitten der Armut der einfachen Menschen in Völlerei, Spekulation und Gleichgültigkeit versinkt. Grosz zeigt den schändlichsten, intimsten und schmutzigsten Moment und raubt dem Bürger so seine Maske der Respektabilität. Dadurch verliert der dargestellte Herr all seine Überheblichkeit.
Weltkrieg, Dada und Revolution
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zerstörte diese ästhetische Welt und brachte Grosz an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Nachdem er sich im November 1914 als Freiwilliger gemeldet hatte, wurde er bereits im Mai 1915 aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Von diesem Moment an richtete sich seine Kunst gegen jene, die er für die Urheber der Kriegskatastrophe hielt.[10]
In den Nachkriegsjahren schloss sich Grosz dem linken Flügel des Berliner Dadaismus an. Er veröffentlichte Antikriegsgrafiken und Gedichte in der Zeitschrift Neue Jugend, die im Malik-Verlag von Wieland Herzfelde erschien.[11] Im Dezember 1918 traten Grosz sowie die Dadaisten John Heartfield und Wieland Herzfelde offiziell der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei. Sie waren der Überzeugung, dass Kunst nicht elitär sein dürfe, und forderten die Schaffung einer bewusst temporären, hochaktuellen Kunst, die sich auf die Seite der Revolution stellt[12] und somit die Grundlagen des kapitalistischen Kunstmarktes untergräbt. Grosz unterstützte die Spartakisten offen, versteckte sich unter falschen Namen vor der Polizei und wurde dreimal zum Beschuldigten in Prozessen. Ihm wurden Beleidigung der Reichswehr, Gotteslästerung und die Verbreitung unzüchtiger Darstellungen vorgeworfen. Die 1923 im Malik-Verlag veröffentlichten Mappen Abrechnung folgt! und Ecce Homo wurden ebenfalls zum Gegenstand juristischer Verfolgung. Die linken Zeitungen lobten die gelungene Kritik an der damaligen korrupten Oberschicht. Im Februar 1924 verlor Grosz den Prozess, woraufhin 24 Lithografien aus der Serie Ecce Homobeschlagnahmt wurden.[13]
Grosz’ Aktivitäten machten ihn zu einem der Hauptfeinde des erstarkenden Nationalsozialismus. Im Jahr 1933, kurz vor Hitlers Machtübernahme, emigrierte der Künstler in die USA. Dort war er als Lehrer tätig, arbeitete für illustrierte Publikationen und stellte seine Werke aus. 1938 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. In Deutschland hingegen wurde sein Schaffen als “entartete Kunst” gebrandmarkt. Erst 1959 kehrte Grosz nach Berlin zurück, wo er nur wenige Wochen nach seiner Heimkehr nach einer durchzechten Nacht tragisch auf der Schwelle seines Hauses verstarb.[14]
Fischer aus Pommern, aus Die Schaffenden [Arbeitergruppe], 1926, Lithografie, 290 x 360 mm, Inv. Nr.: VI b/52/923.
Provenienz: Ankauf von der Galerie Henning (Halle), Wert: 60 Mark, eingegangen am 04.11.1952. Autopsie: recto: u.r. mit Bleistift signiert “Grosz”, u.r. Wasserzeichen: Hexagramm mit eingeschriebenem B; verso: u.r. mit Bleistift “VI b/52/923”, “47/3311”.[15]
Auf dieser monochromen Lithografie sind drei Fischer zu sehen, die sich im Profil von rechts nach links bewegen. Im Vordergrund schreitet ein Mann mit einer Pfeife im Mund und schweren Stiefeln über der Schulter entschlossen einher. Hinter ihm schiebt sein Gefährte einen schwer beladenen Karren mit Seilen und Ausrüstung, während eine dritte Figur die Gruppe im Hintergrund abschließt.
Die Linie ist dicht, fett und fast skizzenhaft. Es gibt praktisch keinen Raum um die Protagonisten herum, bis auf ein paar Grasstriche unter ihren Füßen, wodurch die gesamte Aufmerksamkeit auf die Menschen selbst und ihre Bewegung gelenkt wird. Diese Lithografie ist möglicherweise Ausdruck von Grosz‘ Nostalgie und Erinnerung an seine Kindheit, als seine Familie in Stolp (Pommern) lebte. Im Gegensatz zu den Berliner Karikaturen fehlt hier jegliche Satire. Das Blatt gleicht vielmehr einer Milieustudie des Arbeiter- und Küstenlebens.
Grosz war nicht der Ansicht, dass ein Künstler den moralischen Normen seiner Zeit folgen müsse. Indem er die Dekadenz seiner Zeitgenossen darstellte, hoffte er, das Verlangen der Menschen nach Veränderung zu wecken. Der Künstler wandte sich sowohl gegen Intellektuelle, die die Kunst über die Politik stellten, als auch gegen Modernisten, die behaupteten, dass Abstraktion oder Expressionismus an sich bereits radikal seien. Grosz war fest davon überzeugt, dass ein wahrhaft revolutionärer Künstler eine für die breite Masse verständliche Sprache sprechen und sich für die Befreiung der arbeitenden Menschen einsetzen müsse.[16]
Der amerikanische Schriftsteller Henry Miller äußert sich wie folgt über das Schaffen von Georg Grosz:
“Beim Betrachten der Zeichnungen in Ecce Homo erfüllt mich heute dieselbe Begeisterung und unbändige Bewunderung für den Künstler wie schon 1927, als ich sein Werk erstmals sah. In all diesen Jahren ist mir der Ausdruck von Verzweiflung, Hass und Enttäuschung, wie Grosz selbst gesagt hatte, gleichsam eingebrannt im Kopf geblieben. Ich kenne nichts, was mit ihnen in unserer Zeit oder auch einer anderen Epoche vergleichbar wäre. Sie sind so nackt und hässlich, so schön und beredt wie Wahrheit an sich.”[17]
Mehr zum Projekt
Die Erforschung der Provenienz der hier vorgestellten Werke von George Grosz erfolgte im Rahmen des wissenschaftlichen Projekts Provenienzforschung in der Grafischen Sammlung“ des Museums Schloss Moritzburg Zeitz (durchgeführt von Anne Paschen) und gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.
Text: Xenia Mikhaylov
© MSMZ
[1]Wolfradt, Willi: George Grosz, in: Junge Kunst, Bd. 21, Leipzig 1921, S. 15.
[2]Dückers, Alexander (Hrsg.): George Grosz. Das druckgraphische Werk, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1979, WVZ-Nr. E 102.
[3]Paschen, Anne: Datenblatt Grafiken PF MSMZ_15.04.2026, unveröffentlichtes Projektdatenblatt im Rahmen des Projekts „Provenienzforschung im Museum Schloss Moritzburg Zeitz in der Grafischen Sammlung“ (gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste), Zeitz 2026.
[4]Kay Flavel, Mary: George Grosz. A Biography, New Haven / London 1988, S. 15f.
[5]Ebd., S. 18f.
[6]Ebd., S. 20f.
[7]Ebd., S. 22f.
[8]Herzfelde, Wieland: Ein Kaufmann aus Holland, in: Damals in Berlin. George Grosz. Zeichnungen der 10er und 20er Jahre, Ausst.-Kat. Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf, Düsseldorf 1977, S. 5–22, hier S. 5.
[9]Paschen, Anne: Datenblatt Grafiken PF MSMZ_15.04.2026, unveröffentlichtes Projektdatenblatt im Rahmen des Projekts „Provenienzforschung im Museum Schloss Moritzburg Zeitz in der Grafischen Sammlung“ (gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste), Zeitz 2026.
[10]Kay Flavel, Mary: George Grosz. A Biography, New Haven / London 1988, S. 24f.
[11]Ebd., S. 29.
[12]Ebd., S. 35f.
[14]LeMO / Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): George Grosz 1893–1959, in: Lebendiges Museum Online (LeMO), o. D., online unter: https://www.dhm.de/lemo/biografie/george-grosz [eingesehen am 16.07.2026].
[15]Paschen, Anne: Datenblatt Grafiken PF MSMZ_15.04.2026, unveröffentlichtes Projektdatenblatt im Rahmen des Projekts „Provenienzforschung im Museum Schloss Moritzburg Zeitz in der Grafischen Sammlung“ (gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste), Zeitz 2026.
[16]Kay Flavel, Mary: George Grosz. A Biography, New Haven / London 1988, S. 49.
[17]Miller, Henry: Man in the Zoo, in: Evergreen Review (40), New York 1966.
Literaturverzeichnis
Dückers, Alexander (Hrsg.): George Grosz. Das druckgraphische Werk, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1979, WVZ-Nr. E 102.
Herzfelde, Wieland: Ein Kaufmann aus Holland, in: Damals in Berlin. George Grosz. Zeichnungen der 10er und 20er Jahre, Ausst.-Kat. Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf, Düsseldorf 1977, S. 5–22.
Kay Flavel, Mary: George Grosz. A Biography, New Haven / London 1988.
LeMO / Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): George Grosz 1893–1959, in: Lebendiges Museum Online (LeMO), o. D., online unter: https://www.dhm.de/lemo/biografie/george-grosz [eingesehen am 16.07.2026].
Miller, Henry: Man in the Zoo, in: Evergreen Review (40), New York 1966.
Paschen, Anne: Datenblatt Grafiken PF MSMZ_15.04.2026, unveröffentlichtes Projektdatenblatt im Rahmen des Projekts „Provenienzforschung im Museum Schloss Moritzburg Zeitz in der Grafischen Sammlung“ (gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste), Zeitz 2026.
Wolfradt, Willi: George Grosz, in: Junge Kunst, Bd. 21, Leipzig 1921, S. 15.







Mirko Negwer