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Du bist hier: Startseite1 / Glanzstück des Monats2 / Glanzstück Juli 2026

Die Stunde im Glas

Eine viergläsrige Sanduhr von 1653

Daten zum Glanzstück des Monats Juli

Viergläsrige Sanduhr mit Stundenanzeige und Kalendarium

Verfertiger (laut Signaturzettel): Christian Seijffarth Senior, Bau- und Weinmeister des Rates der Stadt Halle

Datierung (laut Signaturzettel): 1653

Material: Messing, Holz, Glas, Papier

Maße:

– Höhe (Ständer): 54 cm

– Höhe (Sanduhrgehäuse): 31,5 cm

– Breite (Sanduhrgehäuse): 25 cm

Inv. Nr.: VI/H-2101

Mirko Negwer

Über dieses Glanzstück

Ein kurzer Blick auf das Smartphone genügt, um die Uhrzeit sekundengenau abzulesen. Für uns ist es selbstverständlich geworden, jederzeit und nahezu überall zu wissen, wie spät es ist. Über Jahrhunderte hinweg war dies jedoch keineswegs der Fall. Menschen orientierten sich lange ausschließlich am Stand der Sonne, an Kirchenglocken oder später an mechanischen Uhren, die kostbar und störanfällig waren. Zu den zuverlässigsten Instrumenten der Zeitmessung gehörte viele Jahrhunderte die Sanduhr, da sie ohne kompliziertes Uhrwerk auskam. Das stetige Rieseln des Sandes machte den Ablauf der Zeit sichtbar und verlieh ihr zugleich eine besondere Anschaulichkeit. Während Zeit heute meist unbemerkt im Hintergrund vergeht, wurde ihr Ablauf damals bewusst wahrgenommen. An diesem Punkt setzt unser Glanzstück des Monats an, denn es zeigt eindrucksvoll, welchen Stellenwert Zeitmessung früher besaß und mit welcher technischen Raffinesse bereits versucht wurde den Ablauf der Zeit möglichst genau zu erfassen.

Mirko Negwer

Der Zustand der Sanduhr vor der Restaurierung.

Mirko Negwer

Die Ständerkonstruktion der Sanduhr im geöffneten Zustand nach der Restaurierung.

Bei dem vorgestellten Objekt handelt es sich um eine viergläsrige Sanduhr mit Stundenanzeige und Kalendarium aus dem Jahr 1653. Bereits ihre äußere Erscheinung hebt sie von gewöhnlichen Sanduhren ab. Die Sanduhr besteht aus zwei Gläserpaaren, die in einem geschnitzten und gefassten Gehäuse gehalten werden. Jedes Gläserpaar besteht aus zwei Einzelgläsern, an deren Mundöffnung der Glasrand in Form einer kleinen Lippe nach außen gebördelt ist. Zwischen den Mundöffnungen sitzt eine gelochte Scheibe, meist aus Messingblech, die als Sandhemmung dient. Das Sanduhrengehäuse besteht aus zwei hölzernen Deckenbrettern, fünf geschnitzten Holzsäulchen, einem Rückenbrett zur Montage am Ständer, 12 durchbrochenen Pappschildchen zur Halterung der Gläser und 8 gedrechselten Holzperlen als Schmuckelemente. Der Ständer ist ein umgearbeiteter Messingleuchter, an dem oben ein hölzernes Gehäuse mit Kalendarium und Stundenanzeige angebracht ist. Mit den entsprechenden dazugehörigen Pappkärtchen konnte die Monats- und Wochentagsangabe vom Kalendarium eingestellt werden.

Im Inneren des Kastens befindet sich ein Fadengetriebe. Die Drehbewegung der Sanduhr (untere kleine Holzscheibe) wird über einen Faden auf die große Holzscheibe und damit auf den Zeiger der Ziffernanzeige übertragen. Die Scheibendurchmesser stehen im Verhältnis 1:6, denn die 180°-Drehung der Sanduhr muss den Stundenzeiger um eine Stunde weiterrücken. Um das eigentliche Zifferblatt ist ein Holzschnitt angeordnet, der den Stundenkreis zum Rechteck erweitert. In den Ecken befinden sich Allegorische Darstellungen der vier Jahreszeiten, denen jeweils die entsprechenden Monate in Schriftform zugeordnet sind.

Zeit messen, Zeit darstellen

Das Besondere an dieser Sanduhr liegt in ihrer Funktionsweise. Durch das Drehen der Uhr konnte eine Gesamtlaufzeit von einer Stunde gemessen werden. Dafür unterteilten die vier Gläser eine Stunde in Viertelstundenintervalle.

Das Objekt verband somit den sichtbaren Ablauf des Sandes mit einer kontinuierlichen Stundenanzeige auf einem Ziffernblatt. Für die Menschen des 17. Jahrhunderts stellte dies eine bemerkenswerte technische Leistung dar. Während gewöhnliche Sanduhren lediglich einen festgelegten Zeitraum maßen, konnte damit insgesamt ein deutlich längerer Zeitraum überblickt werden. Auffällig ist ebenfalls die Verbindung von Mechanik und Handarbeit. Zahnräder aus Metall sucht man vergeblich. Stattdessen übertragen zwei Holzscheiben und ein Faden die Bewegung der Sanduhr auf den Stundenzeiger.

Mirko Negwer

Der Zustand der abgenommenen Sanduhr nach der Restaurierung.

Mirko Negwer

Der Zustand der Rückseite nach der Restaurierung.

Mehr als eine Uhr
Am Objekt befindet sich ein kleines Pappstück, auf dessen Vorder- und Rückseite jeweils ein handgeschriebener Signaturzettel klebt. Dieser befand sich im unteren Fenster des Ständergehäuses und wurde durch ein mundgeblasenes Deckgläschen geschützt.

Die darauf handgeschriebenen Texte wurden im Restaurierungsbericht wie folgt transkribiert:

Vorderseite:

Dieses hat verfertiget Chri-

stianus Seijffarth Senior,

E. Ehrenv. Raths der Stadt

Halle Bau- und Weinmeister,

zum stets wehrenden gedächt-

nis den 8. Octobris Ao. 1653.   […]

                             

Rückseite:

Dieses hat verfertiget Chri-

stianus Seijfarth Senior / E.Ehrenv.

Raths der Stadt Halle Bau- und

Weinmeister. Zum ewigweh-

renden gedächtnüs. Den 8. Octo-

bris Anno 1653. Ist geboren

[…] 10 Augusti A. 1584.

Aus den Signaturzetteln geht hervor, dass Christian Seijffarth Senior, Bau- und Weinmeister des Rates der Stadt Halle, mit der Anfertigung der Sanduhr in Verbindung steht. Zudem ist dort sein Geburtsdatum, der 10. August 1584, vermerkt. Der auf dem Signaturzettel verwendete Begriff „verfertiget“ ist jedoch vermutlich nicht im Sinne einer vollständigen Eigenherstellung zu verstehen. Wahrscheinlicher ist, dass Seijffarth die Sanduhr aus bereits gefertigten Einzelteilen zusammensetzte und montierte. Eine vollständige Herstellung hätte nämlich Kenntnisse und Fertigkeiten zahlreicher Handwerke vorausgesetzt.

Mehrere Bauteile weisen deutliche Parallelen zu Sanduhren aus Leipziger Werkstätten des 17. Jahrhunderts auf. Besonders der Holzschnitt des Ziffernblattes mit seinem Sonnenmotiv findet sich auf vergleichbaren Leipziger Exemplaren wieder, die teilweise bis nach Schweden gelangten. Ob einzelne Bauteile der Seijffarthschen Sanduhr tatsächlich aus Leipzig stammen oder vergleichbare Bestandteile auch in Halleschen Werkstätten beziehungsweise an anderen Orten gefertigt wurden, lässt sich heute nicht mehr eindeutig nachweisen. Erschwert wird diese Frage zusätzlich durch die lückenhafte Quellenlage zu den Uhrmacherwerkstätten des 17. Jahrhunderts in Halle.

Mirko Negwer

Der Pappkern mit dem Signaturzettel des Verfertigers.

Mirko Negwer

Das Ziffernblatt und Kalendarium der Sanduhr nach der Restaurierung.

Mehr Infos bei museum-digital

Weiterhin findet sich auf beiden Signaturzetteln die überlieferte Widmung „zum stets/ewig wehrenden Gedächtnis den 8. Octobris Ao. 1653“, was zunächst wie eine Widmung zum Verschenken oder Stiften der Uhr klingt. Ob sie aber wirklich auf eine Schenkung oder Stiftung der Sanduhr verweist, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären. Da Seijffarth zu diesem Zeitpunkt bereits 69 Jahre alt war, ist es denkbar, dass die Sanduhr bereits vor 1653 gefertigt und erst zu diesem Anlass gewidmet oder verschenkt wurde. Auch ihre ursprüngliche Nutzung bleibt letztlich offen. Aufgrund ihrer Gestaltung und der vielen vorherigen Überarbeitungen erscheint jedoch eine Verwendung etwa bei Ratssitzungen, Gerichtsverhandlungen oder in einer Studierstube wahrscheinlicher als ein Einsatz als Kanzelsanduhr.

Sanduhren besitzen bis heute eine besondere Symbolkraft. In der Kunst begegnen sie uns zum Beispiel auf Gemälden, Grabmälern oder in allegorischen Darstellungen als Sinnbild für die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Denn während Zeit heute meist unbemerkt vergeht, konnte man mit diesem außergewöhnlichen Objekt beobachten, wie sie Körnchen für Körnchen verrinnt.

Text: Nadine Neumann

© Aufnahmen von der Restaurierung: Mirko Negwer

Literatur:

Hasselmeyer, Lothar: Viergläsrige Sanduhren. In: Dresdner Kunstblätter. Zeimonatsschrift der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Heft 3/2001, S.95-100.; Dresden, 2001.

Negwer, Mirko: Viergläsrige Sanduhr mit Stundenanzeige und Kalendarium von 1653, Arbeitsbericht zu konservatorischen und restauratorischen Maßnahmen; Zeitz, 2001.

 

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